ADS und ADHS – statt Pillen: eine Suche nach den Ursachen

Erschreckend: im Jahr 2019 wurden über 70 Millionen Tagesdosen Psychopharmaka zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen in Deutschland verschrieben. Allen voran steht Methylphenidat, unter dem Handelsnamen Ritalin bekannt. Wenn dies nicht ausreicht, wird zunehmend Lisdexamfetamin (Elvanse) eingesetzt. Nur 15 Jahre früher waren es nur 26 Millionen Tagesdosen, also deutlich weniger als die Hälfte. Diese Mittel werden eingesetzt zur Behandlung von Verhaltensauffälligkeiten, Unruhe und Konzentrationsstörungen – kurz „ADS“ oder „ADHS“, wenn zusätzlich Hyperaktivität besteht. Warum können sich unsere Kinder und zunehmend auch Erwachsene immer schlechter konzentrieren?

ADS/ADHS - Ursachensuche ist wichtig! (© dnaumoid:Shotshop.com)

ADS/ADHS – Ursachensuche ist wichtig! (© dnaumoid:Shotshop.com)

Wie wirkt Ritalin überhaupt bei ADS und ADHS?

Es gibt eine ganze Reihe an möglichen Ursachen. Ein Ansatz ist schon mal zu schauen, wo die Medikamente eigentlich ansetzen.

Ritalin blockiert die Wiederaufnahme der Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin in die Zelle. Dadurch werden diese beiden Neurotransmitter länger in ihrer Wirkung verfügbar. Dopamin gilt als das „Motivationshormon“. Wir brauchen es, um unsere Interessen zu entwickeln, uns Ziele zu setzen und Spaß daran zu haben, diese umzusetzen. Noradrenalin ist der Botenstoff, der uns dazu befähigt, unsere Ideen und Ziele auch umzusetzen. Es fördert die Konzentration, den Fokus und das Gedächtnis. Liegt in diesem Bereich ein Mangel oder eine Störung vor, so ist es nicht weiter verwunderlich warum die typischen Symptome des ADS/ADHS entstehen können. Ohne Dopamin keine Motivation, ohne Noradrenalin keine Konzentration.

Was führt aber zu einem Mangel an Dopamin und Noradrenalin? Das scheint kaum jemanden zu interessieren. Dabei wäre das doch richtige Weg um das Problem zu lösen, statt es nur zu vertuschen. Psychopharmaka machen es ja so einfach – warum sollte eine Spurensuche unternommen werden? Dass Medikamente Nebenwirkungen haben können, ist weitgehend bekannt. Die Liste der möglichen Nebenwirkungen bei Ritalin umfasst fast 40 Punkte! Alleine aber schon der Gedanke daran, wie vielen Kindern Psychopharmaka gegeben werden, um sie am Funktionieren zu halten, ist unfassbar.

Ansatzpunkt Dopamin und Noradrenalin

Woher erhalten wir denn Dopamin und Noradrenalin? Wir bilden diese Neurotransmitter selbst. Dafür brauchen wir jedoch die essenzielle Aminosäure L-Phenylalanin. Essenziell heißt, wir müssen sie mit der Nahrung zu uns nehmen. Sie ist in ziemlich vielen Lebensmitteln enthalten und bei einer ausgewogenen Ernährung entsteht eigentlich kein Mangel. Aber was ist schon eine ausgewogene Ernährung? Bei vielen Kindern und Jugendlichen hapert es hieran. Zu viel Süßes, zu viel Junkfood, zu wenig frisch und selbstgekocht – das ist leider der Alltag in vielen Familien.

Damit der Körper Dopamin und Noradrenalin bilden kann braucht er eine ganze Reihe Co-Faktoren. Wichtig sind in diesem Zusammenhang u.a. Eisen, Kupfer, Vitamin C, Vitamin B6 und Folsäure. Aber auch die sogenannten Methyldonatoren sind ungemein wichtig, denn sie unterstützen eine Vielzahl von Stoffwechselprozessen. Fehlt nur eines dieser Bauteile, so stockt der ganze Aufbauprozess für die Neurotransmitter. Symptome entstehen. Bevor also Psychopharmaka eingenommen werden, sollte meiner Meinung nach erst einmal geschaut werden, wo die Probleme genau liegen. Vielleicht reichen eine Ernährungsumstellung und Vitaminpillen aus – es müssen doch nicht immer gleich Psychopharmaka sein! Lohnenswert wäre an erster Stelle eine Urinuntersuchung der Neurotransmitter und ihrer Abbauprodukte, um einen Stand zu erhalten.

Reizüberflutung überfordert das Stresssystem

Dass Kinder und Jugendliche heute einem höheren Stress ausgesetzt sind als früher, ist wohl auch unstrittig. Der Leistungsdruck und die Anforderungen in der Schule stehen auf der einen Seite, das gab es auch schon früher. Vor allem aber die permanente Reizüberflutung, die schnellen Bildfolgen bereits in Kindersendungen und das permanente online-sein stellt einen hohen Stressfaktor dar, auf den der menschliche Körper und die Psyche nicht vorbereitet sind. Schon für viele Kleinkinder sind das Tablet oder das Smartphone die liebsten Spielzeuge. Dies setzt Stresshormone frei, allen voran Adrenalin. Wenn wir uns jetzt aber verdeutlichen, dass Adrenalin aus Dopamin und Noradrenalin gebildet wird, dann wird der Teufelskreis deutlich.

Wenn mehr Adrenalin benötigt wird aufgrund des permanenten hohen Stresslevels, dann verbraucht der Körper einfach mehr Dopamin und Noradrenalin. Bei Stress versagt das logische Denken, das ist ganz normal. Denn der Körper schaltet um auf „Überlebensmodus“ – und dieser ist mit Kämpfen oder Flüchten verbunden, nicht mit dem Verstehen von mathematischen Gleichungen oder Zimmeraufräumen. Kämpfen und Flüchten bedeuten körperliche Aktivität. Bei dieser wird Adrenalin abgebaut, beim Stillsitzen jedoch verbleibt das Adrenalin im Nervensystem. Bewegung und Stressabbau sind angesagt, aber auch die Unterstützung der Bildung von Neurotransmittern durch die richtigen Nährstoffe und Mikronährstoffe.

Wie hoch der Stress ist und wie gut das autonome Nervensystem regulieren können lässt sich schnell in der Praxis mittels der HRV-Analyse messen.

Unverträglichkeiten und eine gestörte Darmschleimhaut

Aber selbst, wenn die Ernährung gute Voraussetzungen bildet, dann können Störungen im Darm dazu führen, dass nicht ausreichend Mikronährstoffe aufgenommen werden. Die Hauptursache hierfür sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten, allen voran gegen Kuhmilch und Fruktose. In erster Linie wird aber Gluten als Auslöser für Entzündungen an der Darmschleimhaut und hierdurch bedingte Aufnahmestörungen gesehen. Lebensmittelzusatzstoffe, vor allem Farbstoffe sind ebenfalls ein nicht seltener Grund.

Veränderungen an der Darmschleimhaut führen zu einer verminderten Nährstoffaufnahme. Einen löchrigen Darm (Leaky Gut Syndrom) stelle ich immer häufiger fest. Die Zöliakie hat eine sehr hohe Dunkelziffer, es wird geschätzt, dass ca. 1% der Bevölkerung betroffen sind. Lange nicht bei allen Betroffenen kommt es zu Darmsymptomen, das ist der Grund für viele unentdeckte Fälle. Kopfschmerzen, Migräne und eben ADS/ADHS sind weitere typische Folgen. Die Betroffenen berichten von einem „Gehirnnebel“ (Brainfog), der ihnen das Leben erschwert. Reine Glutenunverträglichkeiten können auch ohne eine manifeste Zöliakie auftreten und schwerwiegende Symptome verursachen. Eine Stuhluntersuchung kann Aufschluss geben.

Gluten kann eine Ursache sein für ADS/ADHS

Insbesondere im Zusammenhang mit ADS/ADHS werden die Peptide aus den Proteinen Gluten und dem Milchprotein Kasein diskutiert. Peptide sind kleiner als Proteine. Werden Kasein oder Gluten nicht vollständig abgebaut, so bleiben die Peptide im Körper. Eine Ursache hierfür können genetisch oder epigenetisch bedingte Enzymmängel sein. Einmal freigesetzt und aktiviert können diese Peptide an die Opiat-Rezeptoren im Gehirn andocken und die Funktion der Neurotransmitter negativ beeinflussen. Eine Urinuntersuchung auf Gliadorphin und Casomorphin kann hier weiterhelfen, um den Ursachen auf den Grund zu gehen.

Histamin und ADS/ADHS

Histamin ist ein Gewebshormon, dass an Entzündungsreaktionen beteiligt ist. Es arbeitet eng mit Dopamin, Noradrenalin und anderen Hormonen zusammen und beeinflusst ihre Wirkung. Histamin teilt sich mit verschiedenen anderen Neurotransmittern denselben Rezeptor auf der Zelle. Bei permanenten Entzündungen oder auch bei allergischen Reaktionen ist die Ausschüttung von Histamin erhöht. Die Aufnahme von „Glückshormonen“ und „Motivationshormonen“ wird somit erschwert. Bei entsprechender Symptomatik sollte Histamin auf jeden Fall mit untersucht werden. Auch diese Untersuchung des Histaminstoffwechsels erfolgt aus dem Urin.

Jodmangel in der Schwangerschaft stört die kindliche Gehirnentwicklung

Die wenigsten Frauen halten sich während der Schwangerschaft an die Empfehlung, Jod einzunehmen. Die meisten wissen noch nicht mal von dieser Empfehlung. Im Internet finden sich zahlreichen Hinweise darauf, dass auch Ärzte immer wieder zu einer Jodprophylaxe für Schwangere aufgefordert werden. So ist auf der Seite Jodmangel.de ein Zitat des Berliner Kinderendokrinologe Dr. Klaus-Peter Liesenkötter zu lesen: „Zudem ist ein Jodmangel besonders in dieser kritischen Phase mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom ADHS und einer verminderten kognitiven Leistungsfähigkeit der Kinder assoziiert – bei schwerem Jodmangel sogar mit bleibenden geistigen Störungen.“

An Omega-3-Fettsäuren mangelt es häufig

Auch ein vorgeburtlicher Mangel an Omega-3-Fettsäuren wirkt sich negativ auf die Entwicklung des Gehirns aus. Deshalb wird während der Schwangerschaft und der Stillzeit die Einnahme hochwertiger Omega-3-Fettsäuren aus Fisch- oder Algenkapseln empfohlen. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass eine hohe Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren während der Schwangerschaft den Intelligenzquotienten und das soziale Verhalten der Kinder im späteren Leben erhöht. Besonders im 3. Trimenon und während der Stillzeit ist es wichtig, dass die Mutter sehr gut mit Omega-3-Fettsäuren versorgt ist.

Omega-3-Fettsäuren wirken aber auch antidepressiv und erhöhen das Lernvermögen. Einer der Gründe für diese Wirkung ist, dass sie an der Synthese von Serotonin- und Dopaminrezeptoren beteiligt sind. Ohne diese Rezeptoren kommen diese wichtigen Botenstoffe nicht in den Zellen an. Die Zusammensetzung der Fettsäuren lassen sich mit wenigen Tropfen Blut messen.

KPU führt zu ADS/ADHS

Die Kryptopyrollurie (KPU) führt zum einen zum Verlust wichtiger Mikronährstoffe, wie Zink, Vitamin B6 und Mangan. Ein Mangel dieser Stoffe führt zu Störungen im Abbau von Histamin und aber auch die Regulation der Aktivität der Botenstoffe wird erheblich gestört. Eine Untersuchung auf KPU sollte bei ADS/ADHS auf jeden Fall erfolgen (Urintest).

Keine Sonne = keine Aufmerksamkeit

Kinder spielen heute seltener draußen und werden im Sommer von fürsorglichen Eltern mit Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor eingeschmiert. Zu wenig Aufnahme von Sonnenlicht über die Haut führt aber zwangsläufig zu einem Mangel an Vitamin D. Auch Vitamin D spielt eine Rolle für die psychische Gesundheit, nicht nur für gesunde Knochen und das Immunsystem. Auch hier reichen wenige Tropfen für die Messung des individuellen Spiegels.

Weitere Faktoren

Hinzu kommen noch eine ganze Reihe weiterer möglicher Ursachen für Aufmerksamkeitsstörungen. ADS/ADHS können durch bestimmte Lebensmittelzusatzstoffe getriggert werden. Allen voran sind hier Konservierungsmittel und Farbstoffe anzusehen. Ich verzichte auf eine Auflistung, diese sind an anderen Stellen im Netz vielfach zu finden. Auch Phosphate werden häufig nicht gut vertragen und haben negative Auswirkungen.

Fruchtzucker (Fruktose) kann die Aufnahme von Tryptophan vermindern. Somit kann ein Defizit an Serotonin entstehen, dem wichtigsten Glückshormon. Fruktose wird von jedem Menschen nur in bestimmten Mengen problemlos verstoffwechselt. Daher sollte bei der Diagnose ADS/ADHS dringend auf gezuckerte Softdrinks und Säfte, sowie auf große Mengen Süßigkeiten verzichtet werden.

Sie sehen, die Ursachenforschungen nach ADS/ADHS ist recht komplex. Kein Wunder, dass es einfacher erscheint mit einer Pille die Probleme lösen zu wollen. Aber ohne Behebung der Ursache sind Probleme nicht gelöst, sondern nur verschoben. Macht es wirklich Sinn unseren Kindern massenweise Psychopharmaka zu verabreichen? Was sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn schon Kinder gedopt werden, nur funktionieren sollen und sich kaum einer dafür interessiert, wie man ihnen wirklich helfen kann?

Wenn Sie die Ursachen für die Lernprobleme Ihres Kindes oder Ihre eigenen Konzentrationsstörungen finden wollen, dann lassen Sie sich beraten. Ich freue mich auf Ihren Anruf.

Quellen:

Dr. Christina Schmidtbauer, „Mikronährstoffcoach“, Verlagshaus der Ärzte

Statista

https://jodmangel.de/2019/deutschland-ist-wieder-jodmangelland-2/

Ritalin Beipackzettel

http://www.adhs-deutschland.de/Portaldata/1/Resources/PDF/2_9_Ernaehrung/Die_Gehirn-Darm-Achse_bei_neurologischen_und_psychiatrischen_Stoerungen.pdf

http://www.adhs-deutschland.de/Home/ADHS/Ernaehrung/Nahrungsmittelinduzierte-ADHS-Symptomatik-2.aspx

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