Das emotionale Muskelgedächtnis beeinflusst unsere Gesundheit

Wir besitzen alle einen reichhaltigen Schatz an Erinnerungen. Wir glauben, diese in unserem Gehirn gespeichert zu haben. Tatsächlich haben aber wir auch ein emotionales Muskelgedächtnis. Was wir erleben hinterlässt Spuren in unseren Muskeln.

Emotionales Muskelgedächtnis © konstantynov/Shotshop.com

Emotionales Muskelgedächtnis © konstantynov/Shotshop.com

Die zahlreichen Erfahrungen, die wir im Leben machen, sind häufig mit Emotionen verbunden – positiven wie negativen. Gefühle beeinflussen unseren Körper. Wir kennen alle verschiedene Körperreaktionen, die mit Emotionen zusammenhängen und wissen diese in der Regel sehr wohl zu unterscheiden und zuzuordnen. So fühlt sich Herzklopfen vor Freude, wenn man bspw. frisch verliebt ist, ganz anders an als ein Herz, das vor Angst schneller schlägt. Der Atem geht schneller bei Aufregung, aber ruhig und tief bei Entspannung.

Der Volksmund kennt dieses Phänomen. Wir „haben Schiss“ bei Angst, denn viele Menschen reagieren in der Tat mit Durchfall. Schlechte Nachrichten „schlagen uns auf den Magen“ – Magenprobleme haben häufig eine psychische (Mit-)Ursache. „Mir läuft die Galle über“ oder wir werden „sauer“, wenn wir uns ärgern. Unsere Organe reagieren und auch unsere Muskelspannung verändert sich bei verschiedenen Emotionen automatisch.

Unser Körper speichert Emotionen im Muskelgedächtnis

Im Laufe der Zeit kann es nun passieren, dass unser Körper wiederkehrende Emotionen unwillkürlich mit Körperreaktionen verknüpft. Jetzt reichen kleinste, auch unbemerkte Auslöser von außen, um automatische Veränderungen hervorzurufen. Bereits Gedanken an bestimmte Situationen können denselben Effekt haben. Unsere Verhaltensmuster werden so geprägt, aber auch unsere Körperhaltung und die besondere Anspannung der Muskeln.

Welche Folgen hat das für uns?

Mir ist es selbst vor einigen Jahren so ergangen, dass ich im Regionalexpress zum Flughafen Düsseldorf unterwegs war, um über das Wochenende zu einer Freundin zu fliegen. Ich hatte mich schon lange darauf gefreut und alle Rahmenbedingungen waren stimmig und stressfrei. Allerdings begann mein Körper kurz hinter Duisburg mit sonderbaren Symptomen. Meine Atmung wurde immer flacher, mein Herz fing an zu rasen. Im Magen machte sich ein flaues Gefühl breit, mir wurde richtig übel. Meine Muskeln haben sich unwillkürlich angespannt. Diese Symptome wurden immer schlimmer, desto näher ich dem Flughafen kam. Dabei hatte nichts anderes getan, als im Zug zu sitzen und aus dem Fenster zu schauen. Flugangst konnte ich definitiv ausschließen und ich war auch sehr gut in der Zeit.

Was war aber passiert? Ich konnte mir das erst erklären, als ich am Bahnhof angekommen den Weg in Richtung Skytrain zum Terminal eingeschlagen hatte. Da beruhigte sich meine Atmung langsam wieder und ich bekam Luft. Die Tatsache, im Zug zu sitzen und die Landschaft und Orte zu betrachten hatte in mir unbewusst die Erinnerung an viele Jahre täglichen Pendelns geweckt zu einer in den letzten Jahren unerträglichen Arbeitssituation. Das Büro war in der Nähe des Düsseldorfer Flughafenbahnhofs!

Alleine, einen anderen Ausgang Richtung Westen zu nehmen und nicht wie jahrelang in Richtung Parkplätze zu laufen hat an dem Tag dazu geführt, dass sich meine unwillkürliche und unbewusste Stressreaktion entspannte. Das Muskelgedächtnis konnte die gespeicherten Emotionen wieder loslassen und mein Körper entspannen.

Die auslösende Situation war mir ziemlich schnell bewusst und somit hat sich diese Reaktion nicht weiter verfestigt. Wie oft sind wir aber ähnlichen Reaktionen ausgesetzt, ohne dass wir es merken und den Auslöser erkennen? Selbst wenn wir einer belastenden Situation bereits entkommen sind, so reichen kleinste Reize um uns daran zu erinnern. Bei mir war es die so gut bekannte Zugfahrt. Es können Orte sein, aber auch Geräusche und Gerüche. Bestimmte Menschen, denen wir begegnen – die aber mit der Belastung selbst gar nichts zu tun haben. Ein Lied im Radio. Und, und, und…

Autonome Reaktionen können wir nicht rational beeinflussen

Was dann im Körper abläuft geschieht autonom, also ohne unser aktives Tun. Das vegetative Nervensystem können wir nicht beeinflussen. Wenn das Herz schneller schlägt können wir ihm nicht befehlen ruhiger zu werden. Plötzlich einsetzende Übelkeit kann nicht abgeschaltet werden. Versteifte Muskeln können auf Kommando nicht locker werden. Einzig die Atmung können wir beeinflussen. „Erst mal tief durchatmen“ – lange und ruhige Atemzüge. Hierüber lassen sich Stressreaktionen des Körpers kurzfristig beruhigen.

Von Sigmund Freud stammt der Ausspruch: „unausgesprochene Emotionen werden niemals sterben. Sie sind lebendig begraben und werden später auf hässlichere Weise zum Vorschein kommen.“ Freud dachte als Psychoanalytiker hierbei sicherlich an die Vielzahl psychischer Störungen über die er geforscht hat. Depressionen und Ängste können viel mit unverarbeiteten Problemsituationen zu tun haben. Weniger bekannt ist aber, dass diese Emotionen zur Stressreaktionen und Einfrieren der Muskeln führt.

Unsere natürliche Reaktion bei Stress und bei Angst ist entweder zu kämpfen oder zu flüchten („fight or flight“). Wenn wir dies aber nicht können, weil die Situation es nicht zulässt, so greifen wir zur dritten Möglichkeit. Wir erstarren (freeze)! Wir halten aus. Dabei erstarren unsere Muskeln. Sie werden zunehmend steifer. Wir können nicht mehr lockerlassen.

Emotionen steuern unsere Gesichtsmuskeln

Wie sehr Emotionen unsere Muskeln beeinflussen wissen wir von der Mimik. Wir können an Gesichtern ablesen, wie der Mensch gerade drauf ist. Da wir alle genetisch bedingt gleich reagieren, können wir uns in den anderen hineinfühlen und seinen Ausdruck interpretieren.

Die Mimik wird durch die Gesichtsmuskeln aktiviert. Aber auch die Körperhaltung wird beeinflusst. Nicht umsonst sagen wir „Kopf hoch“ um jemanden aufzumuntern. Wer aber traurig ist, der lässt nun mal den Kopf hängen. Wer lange deprimiert ist wird irgendwann im ganzen Körper schief und nach vorne gebeugt.

Wenn wir uns zu sehr gegen unsere Emotionen wehren, dann speichert der Körper diese Emotionen auch in den Muskeln. Angespannte Muskeln haben ein Gedächtnis. Ein regungsloses Pokerface verbirgt, was sich dahinter abspielt. Manchmal ist dies ein Schutzschild nach außen – unser Körper nimmt es uns aber auf Dauer übel.

Entspannung findet im Gehirn statt, nicht im Muskel

An- und Entspannung des Muskels wird im Gehirn gesteuert. Und hier kommt es eben zu der Verbindung mit den Emotionen. Körperlich nicht verarbeiteter Stress oder Traumata speichern sich so im Muskel und führen zu Verspannungen und somit zu Schmerzen.

Wie viele Menschen haben Nacken- oder Rückenschmerzen, ohne dass es eine erkennbare Ursache gibt? Auf der anderen Seite ist bewiesen, dass viele Menschen mit einem manifesten Bandscheibenvorfall durchs Leben laufen, ohne dass Beschwerden auftreten. Also liegen die Schmerzen wohl weniger an der Wirbelsäule, wie so häufig vermutet. Deswegen nutzen Bandscheiben Operationen auch selten. Der Grund liegt häufig im emotionalen Gedächtnis des Muskels. Dieser spannt an und kann nicht mehr loslassen.

Indianer kennen keinen Schmerz und Männer weinen nicht…

Die alten Chinesen haben schon gesagt, Schmerz sei der Schrei nach fließender Energie. Eine gute Prävention gegen Muskelverspannungen ist es somit, seine Emotionen auszuleben. Weinen ist erlaubt! Wer traurig ist sollte dies auch zugeben und zeigen. Das gleiche gilt aber auch für Freude. Wir sehnen uns alle danach, glücklich zu sein und uns zu freuen. Häufig gestehen wir uns aber auch dies nicht zu. Vielleicht weil wir dem Gefühl nicht trauen, vielleicht weil wir auch hier unbewusste Verhaltensmuster erlernt haben. Jedes nicht ausgelebte Gefühl hinterlässt Spuren und holt uns irgendwann ein.

Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Verbal und körperlich, einzeln oder mit anderen. Manchmal reicht es auch einfach mal, sich zu schütteln um etwas los zu werden. Den Frust abschütteln, damit nicht die Muskeln verspannen und negative Emotionen im Muskelgedächtnis verbleiben.

Hat aber erst einmal ein Trauma dazu geführt, dass sich Muskeln versteift haben, dann ist es nötig, diese autonom entstandene sensomotorische Amnesie zu lösen. Rein über das Bewusstsein werden Sie keinen Zugang mehr zu diesem Muskeln erhalten. Der Schmerz wird sich nicht auflösen können.

Mit der sehr sanften Methode der sensomotorischen Schmerz- und Körpertherapie können Ihre Muskeln wieder in die Entspannung kommen. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit im Muskelgedächtnis gespeicherte Emotionen frei zu setzen. Dies kann sehr befreiend wirken. Ich merke es häufig, wenn meine Patienten unwillkürlich tiefe Atemzüge nehmen oder gar seufzen. Dann hat sich eine Anspannung gelöst. Dann konnte etwas losgelassen werden. Wir halten mit den Muskeln fest. Auch unsere Gedanken…