Stress und Vegetatives Nervensystem

Stress, Angst und andere emotionale Zustände beeinflussen unseren Herzschlag, unsere Atmung und den Blutdruck. Dies geschieht einerseits durch die Ausschüttung von Hormonen, wie bspw. Cortisol oder Adrenalin. Andererseits ist das vegetative Nervensystem hierfür verantwortlich.

Befinden sich Systeme im Gleichgewicht so nennt man dies „Kohärenz“. In kohärenten Systemen geht keine Energie verloren, im Gegenteil: durch die Harmonie wird in Summe mehr Energie aufgebaut als benötigt wird. Im medizinischen Sinne ist dies die perfekte Abstimmung von Herzschlag, Atmung und Blutdruck.

Wie reagiert das vegetative Nervensystem?

Das vegetative Nervensystem reguliert sämtliche Vitalfunktionen unseres Körpers. Es nimmt uns die Aufgabe ab, aktiv und bewusst unsere Atmung zu steuern und den Herzschlag zu regeln. Wir müssen auch nicht gleichzeitig daran denken, dass wir unser Essen verdauen und Feinde von innen und außen abwehren müssen. Das Vegetativum besteht vor allem aus zwei wichtigen aufeinander abgestimmten, gegensätzlich arbeitenden Teilen:

Der Sympathikus wird aktiviert bei Angstsituationen, auf die wir seit Urzeiten entweder mittels Kampf oder Flucht reagieren. Seine Aktivierung führt zu einer erhöhten Leistungsbereitschaft und dem Abbau von Energiereserven. Herzschlag und Blutdruck steigen an, die Bronchien erweitern sich, die Verdauungstätigkeit im Magen-Darm-Trakt wird gebremst. Der Schweiß wird vermehrt zur Kühlung abgegeben und das Auge auf „weitsehen“ gestellt. Dieser Zustand ist seit jeher jedoch nur für kurzfristige Stress Zustände gedacht gewesen: als Reaktion auf die Begegnung mit dem Säbelzahntiger und anderen Feinden. Heute sind allerdings die meisten Menschen „sympathikoton“, das heißt ihr Nervensystem ist auf eine Dauerstressreaktion geschaltet. In der Folge steigen Blutdruck und Puls dauerhaft an und es wird deutlich mehr Energie verbraucht als nötig wäre – und als der Körper dauerhaft geben kann.

Der Gegenspieler des Sympathikus ist der Parasympathikus. Er bringt den Körper in den Entspannungszustand und sorgt unter unter anderem für die Verdauung, beruhigt den Atem, senkt Blutdruck und Puls. Somit steht er für Regeneration, stärkt die Selbstheilungskräfte und das Energiesammeln. Bei sogenannten „sympathikotonen“ Menschen kommt der Parasympathikus jedoch dauerhaft zu kurz mit weitreichenden Folgen für Gesundheit und Wohlbefinden.

Was passiert bei Störungen des Systems?

Ein so komplexes System vegetativer und biochemischer Prozesse ist natürlich sehr störanfällig. Und da bei den meisten Menschen in der heutigen Zeit die Regeneration leider einfach zu kurz kommt, wird der Parasympathikus nicht ausreichend aktiviert. Energiedefizite werden daher nicht aufgeladen, die Verdauung erfährt Störungen. Dadurch ist die Nährstoffaufnahme nicht optimal, der Blutdruck steigt, und und…

Die Kohärenz im Körper wird dauerhaft gefährdet und ist vielfach schon massiv gestört. Durch das Ausbleiben von Ruhephasen und stärkender, positiver Erlebnisse und Gefühle bei einem durch chronische Überforderung ständig aktiven Stress System hat eine harmonische Zusammenarbeit von Sympathikus und Parasympathikus keine Chance. Messbar wird dies am Herzschlag, denn dieser zieht den gesamten Körper in seinen Rhythmus. Werden von hier aus ungeordnete Signale an den Körper gegeben, kann dies negative Auswirkungen über den Stoffwechsel bis in die einzelnen Zellen haben. Diese Regulationsstörungen führen zu organischen Erkrankungen.

Wie erfolgt die Messung?

Die (In-)Kohärenz im menschlichen Körper ist messbar. Die sogenannte Herzratenvariablilität (HRV) ist die Messung des zeitlichen Abstandes zwischen den einzelnen Herzschlägen. Sie dient somit der Beurteilung des Gleichgewichts von Sympathikus und Parasympathikus.

Unser Herzschlag ist zwar rhythmisch, jedoch nicht gleichmäßig. Ein metronomgleicher Herzschlag ist schwer pathologisch, denn im Herzschlag spiegelt sich die Anpassungsfähigkeit des Körpers gegenüber äußeren und inneren Reizen wieder, als Reaktionen von Sympathikus und Parasympathikus. Einem inadäquaten Zusammenspiel der beiden folgt eine verminderte Fähigkeit, auf die ständigen Einflüsse angemessen reagieren zu können. Dies ist in der chinesischen Medizin schon seit Jahrhunderten bekannt und wurde bspw. bereits durch Wang Shu-he vor über 1800 Jahren in seiner Schrift Mai Ching, einem Klassiker der Pulsdiagnose, dokumentiert. Er schreibt hier: „wenn der Herzschlag so regelmäßig wie das Klopfen des Spechts oder das Tröpfeln des Regens auf dem Dach wird, wird der Patient innerhalb von vier Tagen sterben.“

Negative Gedanken und Stress erzeugen ein unregelmäßiges Muster, da Sympathikus und Parasympathikus nicht synchron sondern quasi gegeneinander arbeiten. Beide versuchen, die Kontrolle über den Herzrhythmus zu erlangen: der eine will beschleunigen, der andere abbremsen. Dies führt zu massiven Energieverlusten und Unwohlsein.

Auf der anderen Seite führt eine harmonische Herzratenvariabilität nicht nur zu einem subjektiven Wohlbefinden und verbesserter Stressresistenz, sondern zu mehr Ausgeglichenheit im Hormonhaushalt. Dies steigert das Immunsystem und führt zu erhöhter Leistungsfähigkeit, da Gehirn und Herz ausgeglichen arbeiten.

Wozu den Stress Level messen?

Aus diesem Grunde ist das Messen der Herzratenvariabilität eine ideale Methode in der Diagnostik der Stressbelastung. Therapieerfolge können regelmäßig kontrolliert werden und somit der aktiven Burnoutprävention dienen. Die Messung der HRV ist wichtig bei allen Erkrankungen, die stressbedingt sein können. Dies ist nicht nur der sogenannte Burnout, sondern unter anderem auch:

  • Schmerzen,
  • Schlafstörungen
  • Reizdarm und chronische Darmentzündungen
  • hormonelle Erkrankungen
  • Schwindel
  • Tinnitus
  • chronische Hauterkrankungen
  • und vor allem auch Herz-Kreislauf-Probleme, wie vor allem Bluthochdruck.

Eine permanente Stimulation des Sympathikus führt zwangsläufig zu einem erhöhten Blutdruck.

Inkohärenz bei Stress zeigt sich in der Messung durch eine sehr unregelmäßige Kurve (oben rechts). Die Messung befindet sich im roten Bereich.

Inkohärenz zeigt sich in der Messung durch eine sehr unregelmäßige Kurve (oben rechts). Die Messung befindet sich im roten Bereich.

Die gute Nachricht: die Kohärenz, also das stimmige Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus kann trainiert werden. Ein wichtiger Faktor hierbei ist unser Atem. Ein kontrollierter Atem – in Atemtherapie, Yoga oder Meditation erlernbar – ist eine einfache und effektive Methode die Funktionsstörungen im vegetativen Nervensystem wieder zu beseitigen. Regelmäßige, tiefe und ruhige Atemzüge erhöhen den Einfluss des Parasympathikus und stärken die Kohärenz. Regelmäßiges Üben erhöht nachhaltig die Regulation des vegetativen Nervensystems. Den Erfolg einer regelmäßigen, tiefen Atmung bei gleichzeitiger Entspannung lässt sich ebenfalls bildlich darstellen.

Kohärenz wird mit einer gleichmäßigen Kurve dargestellt, die Messung befindet sich hier im grünen Bereich.

Kohärenz wird mit einer gleichmäßigen Kurve dargestellt, die Messung befindet sich hier im grünen Bereich.

Die Messung der Herzratenvariabilität kann innerhalb weniger Minuten durchgeführt werden.