Insulinresistenz lässt sich angesichts der weltweiten Ausbreitung und der enormen Zahl betroffener Menschen durchaus als eine „stille Pandemie“ bezeichnen. Bei dieser Stoffwechselstörung reagieren die Zellen des Körpers nur noch abgeschwächt auf das Hormon Insulin. Der Zucker (Glukose) aus der Nahrung bleibt dadurch vermehrt im Blutkreislauf – oft jahrelang unbemerkt. Der Körper kompensiert dies zunächst durch eine vermehrte Produktion von Insulin. Wenn diese Kompensation irgendwann nicht mehr ausreicht, können sich ernsthafte Erkrankungen entwickeln.
Das Problem ist, dass dieser Prozess schleichend abläuft und keine klaren Symptome zeigt. Ein frühes Erkennen kann daher nur durch geeignete Blutwerte erfolgen. Allerdings gehören diese Werte leider nicht zu den üblichen Standarduntersuchungen. Das ist bedauerlich, denn gezielte Anpassungen des Lebensstils können den Stoffwechsel oft nachhaltig verbessern und das Risiko für Folgeerkrankungen senken.
Warum Insulinresistenz so viele Menschen betrifft
Weltweit nimmt die Zahl chronischer Erkrankungen dramatisch zu: Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alzheimer-Demenz und Typ-2-Diabetes. Auch hormonelle Störungen wie Zyklus- und Fruchtbarkeitsprobleme bei Frauen und Testosteronmangel bei Männern werden immer mehr beobachtet. Fast die Hälfte der Erwachsenen ist übergewichtig oder adipös.
Hinter diesen sehr verschiedenen Beschwerden steht häufig ein gemeinsamer, oft übersehener Faktor: Insulinresistenz. Sie fördert nicht nur die Entstehung, sondern verschlechtert auch den Verlauf vieler chronischer Krankheiten.
Aktuelle Zahlen unterstreichen die Dimension. In Deutschland leben schätzungsweise 9,1 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes (plus Dunkelziffer von ca. 2 Millionen). Die Zahlen steigen weiter, besonders nach den indirekten Auswirkungen der Corona-Maßnahmen wie zunehmender Stress und Bewegungsmangel.
Insulinresistenz betrifft dabei oft schon lange vor einer Diabetes-Diagnose Millionen – und das in allen Altersgruppen, einschließlich Kindern.
Insulin ist ein zentrales Element für Aufbau und Wachstum
Insulin ist ein in der Bauchspeicheldrüse gebildetes Hormon, das nach Mahlzeiten den Blutzuckerspiegel stabilisiert. Es transportiert Glukose in die Zellen von Muskeln, Gehirn, Herz und Fettgewebe. Seine Wirkung geht jedoch viel weiter, denn Insulin beeinflusst nahezu jede Körperzelle, indem es Wachstum, Energieverwertung, Hormonproduktion und sogar Zellüberleben steuert. Es ist das zentrale Steuerelement für Aufbau- und Wachstumsprozesse.
Wenn Zellen nur noch schwach auf Insulin reagieren, sprechen wir von einer Insulinresistenz. In diesem Zustand produziert der Körper zunächst erst mal mehr Insulin, um den Blutzucker normal zu halten. Diese sogenannte Hyperinsulinämie kann jahrelang bestehen, ohne dass der Blutzucker auffällig steigt. Erst wenn die Bauchspeicheldrüse erschöpft ist und nicht mehr durch vermehrte Insulinproduktion zu kompensieren versucht, steigt der Blutzucker und ein Typ-2-Diabetes manifestiert sich.
Es ist also zunächst nicht der Blutzucker-Wert, der einen Diabetes anzeigt. Sondern der Nüchtern-Insulinwert gilt als ein früher Hinweis. Hohe Werte deuten auf ein erhöhtes Diabetes-Risiko.
Folgen einer unerkannten Insulinresistenz
Eine Insulinresistenz trägt zu einer Vielzahl von Problemen bei: Übergewicht, Fettleber (auch bei Normalgewichtigen möglich), gestörte Blutfette (hohe Triglyceride, niedriges HDL) und Bluthochdruck. Wie erwähnt kann sie zu Hormonstörungen führen.
Vor allem stellt sie aber auch ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alzheimer und Krebs dar. Dabei sind Meta-Analysen besonders alarmierend, die zeigen, dass Krebspatienten oft eine ausgeprägte Insulinresistenz aufweisen – vergleichbar oder stärker als bei Typ-2-Diabetes-Patienten. Krebszellen besitzen oft deutlich mehr Insulinrezeptoren und reagieren empfindlicher auf Insulin – das Hormon kann dann wie ein „Wachstumsdünger“ wirken. Dies betrifft vor allem Brust- und Prostatakrebs.
Es gibt noch weitere Zusammenhänge. Frühe neurologische Veränderungen wie Depressionssymptome oder Probleme der Feinmotorik, aber auch ein kognitiver Abbau werden beobachtet. Sogar Hitzewallungen in den Wechseljahren gelten als möglicher Hinweis.
Ursachen – ein Zusammenspiel vieler Faktoren
Eine Insulinresistenz entsteht meist durch:
- Übergewicht, vor allem entzündungsförderndes Bauchfett
- Bewegungsmangel
- Ernährung reich an Zucker, raffinierten Kohlenhydraten und Transfetten
- Chronischen Stress & Schlafmangel
- Genetische Veranlagung in Zusammenhang mit familiären Lebensstil-Faktoren
- Chronische Entzündungen
- bestimmte Medikamente (Cortison, Diuretika, Statine, Betablocker, u.a.)
- Rauchen
- zunehmendes Alter, Insulinsensitivität sinkt.
Darmflora – Zusammenhang mit Insulinresistenz?
Neben diesen Faktoren spielt ggfs. auch eine veränderte Darmflora eine Rolle. Es werden mehrere Mechanismen diskutiert, über die eine veränderte Darmflora oder ein Leaky Gut Syndrom zur Insulinresistenz beitragen könnte.
Bei der Fermentation von Ballaststoffen entstehen im Darm kurzkettige Fettsäuren. Diese wirken positiv auf den Glukose- und Fettstoffwechsel. Sie beeinflussen unter anderem die Insulinsensitivität, die Darmhormonfreisetzung und das Sättigungsgefühl. Eine reduzierte Produktion dieser Fettsäuren kann sich ungünstig auf den Stoffwechsel auswirken. Für den gesunden Ablauf dieser Prozesse benötigen wir verschiedene Darmbakterien. Fehlen diese, so gerät das Darmmilieu ins Ungleichgewicht und wichtige Stoffwechselprozesse geraten ins Stocken.
Eine gesunde Darmbarriere verhindert, dass unerwünschte Substanzen in den Körper gelangen. Veränderungen der Mikrobiota können die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut erhöhen, was entzündliche Prozesse begünstigt. Denn bei einer erhöhten Darmdurchlässigkeit, dem „Leaky Gut Syndrom“ gelangen bakterielle Bestandteile in den Blutkreislauf. Dort aktivieren sie das Immunsystem und fördern eine niedriggradige, chronische Entzündung. Diese Entzündungsprozesse können die Insulinwirkung in den Zellen beeinträchtigen.
Symptome sind oft subtile Warnsignale
Oft bleibt eine Insulinresistenz lange unbemerkt. Mögliche Hinweise können sein:
- Müdigkeit nach kohlenhydratreichen Mahlzeiten
- Ständige Erschöpfung, Heißhunger auf Süßes
- Schwierigkeiten abzunehmen
- Bauchfett, Wassereinlagerungen, Bluthochdruck
- Migräne, Nervosität trotz normalem Blutzucker
Eine besondere Vorsicht ist geboten für Frauen mit polyzystischem Ovarialsyndrom (PCOS), Männern mit erektiler Dysfunktion oder bei familiärer Belastung für Herzkrankheiten.
Eine frühzeitige Diagnose verbessert die Heilung
Routinemäßig wird Insulin selten gemessen – dabei ist es entscheidend. Denn dieser Wert ist früher erhöht als der Blutzuckerspiegel. Weitere Werte sind der HOMA-Index (ein rechnerischer Wert aus Nüchtern-Blutzucker und Insulin) und der orale Glukosetoleranztest (oGTT) mit Insulinbestimmung. Denn oft zeigt sich auch erst unter Belastung eine Hyperinsulinämie.
Eine Änderung des Lebensstils kann häufig erstaunliche Resultate mit sich bringen. Lassen Sie sich beraten, vereinbaren Sie einen Termin.
Quellen:
„Insulinresistenz – die stille Wurzel vieler Erkrankungen“, Dr. Monica Istrate, Natur und Heilen Ausgabe 02/2026
https://www.diabetesde.org/ueber_diabetes/was_ist_diabetes_/diabetes_in_zahlen
https://link.springer.com/article/10.1186/s13048-020-00670-3
https://www.nature.com/articles/s41586-023-06466-x
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3705322/